“Kein Land für Kinder”
Geschrieben am25. April 2006 in Allgemein, Presse | add to del.icio.us von vogel | Keine Kommentare
“Von Severin Weiland
Der neue Familienbericht der Regierung macht wenig Hoffnung: In keinem europäischen Land gibt es einen so geringen Geburtenwunsch wie in Deutschland. Alte Rollenmuster wandeln sich nur langsam.
Berlin – Ministerin Ursula von der Leyen wird mit Wohlgefallen gelesen haben, was sich im neuesten Familienbericht der Bundesregierung zum derzeit heiß debattierten Elterngeld findet: Es ermögliche, dass “weder die Bedürfnisse der Kinder noch die beruflichen Perspektiven der Eltern, hier vor allem der Mütter, auf der Strecke bleiben”. Doch beim Elterngeld lassen es die Wissenschaftler der Sachverständigenkommission nicht bleiben. Wieder einmal verweisen sie auf die nordischen Länder als Vorbild: Sie regen ein kooperatives Zusammenwirken zum Wohle des Kindes wie in Nordeuropa an. Parallel zu den zeitlichen und finanziellen Angeboten brauche es institutionelle Betreuung in Krippe, Kindergarten und -tagesstätten sowie in der Schule.Der neue Familienbericht, den von der Leyen heute zusammen mit dem Kommissionsvorsitzenden Hans Bertram in Berlin vorstellte, kommt zu einem Zeitpunkt, da Familienpolitik die öffentliche Debatte beherrscht. Doch wirft er einen breiteren Blick auf die Familie als gemeinhin im öffentlichen Diskurs, wo der Rückgang der Geburtenzahlen, vor allem aber die Vereinbarkeit von Beruf und Kinderwunsch von Frauen und Männern die Schlagzeilen dominiert.
Das Konvolut von 589 Seiten widmet sich ausführlich auch anderen, derzeit weniger prominent diskutierten Aspekten: Wie wirkt sich die sinkende Geburtenrate auf die Entwicklung der Großstädte aus? Welche Folgen hat die zunehmende Zahl von Pflegebedürftigen – schon heute werden neun von zehn Zuhause betreut – auf das künftige Familienleben? Auch den alltäglichen, in der Praxis höchst explosiven Dingen, die Familien belasten und Partnerschaften oftmals scheitern lassen, widmet sich der Bericht. Etwa den Zeitbudgets, die – zumeist – die Frauen in Erziehung und Hausarbeit aufwenden. Hier hat sich kaum etwas verbessert – im Gegenteil. Brachten die Frauen auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik 1991/92 durchschnittlich 2,2 Mal so viel Zeit für die Kinderbetreuung auf wie die Männer, so war es 2002 das 2,3-fache. Am gleichmäßigsten werde die Betreuungszeit aufgeteilt, wenn die Mütter voll erwerbstätig seien, so der Bericht.
Rollenklischees bleiben
Es gibt Dinge, die scheinen sich im Leben nicht zu ändern – trotz des rasanten Wandels gesellschaftlicher Einstellungen und Lebensformen. “Auffällig ist, dass insbesondere Jungen und Mädchen sich sehr unkritisch gegenüber traditionellen Rollenvorstellungen verhalten”, lautet eine der Einschätzungen im Bericht. Bei der Hausarbeit zum Beispiel, leidiges Streitthema in vielen Familien, hat sich kaum etwas bewegt. Ob die Mutter nun erwerbstätig ist oder nicht, Mädchen zwischen 10 und 18 Jahren leisten hier deutlich mehr als Jungen. Schlussfolgerung der Wissenschaftler: im “sensiblen Punkt” der Verteilung von Familienarbeit seien noch “wenig Ansätze zur Auflösung von Geschlechtergrenzen festzustellen”.
Die Zuschreibung alter Rollen findet seine Entsprechung im Berufsleben. Teilzeitarbeit bleibt ein Phänomen der Frauen – Männer streben sie – so europaweit in Studien nachgewiesen – nicht an. Die Rolle des “Brotverdieners” hat sich kaum gewandelt – auch wenn viele, höher gebildete Väter heute sich mehr ihren Kindern widmen wollten. Die Realität sieht anders aus: Väter arbeiten nach der Geburt noch mehr. Mit ein Grund: In den Unternehmen hat noch kein Umdenken eingesetzt, auch Gewerkschaften widmeten sich diesem Thema bislang zu wenig. “Die Arbeitszeitreduzierung von Männern, auch Vätern, wird im Betrieb als unpassend empfunden”, heißt es in dem Bericht.Was die Kinderbetreuungseinrichtungen angeht, liegt die Bundesrepublik im EU-Vergleich nach Feststellung des Berichts auf den hinteren Plätzen. In Westdeutschland – der Osten steht aufgrund der historischen Ausgangslage besser da – gebe es bei den unter Drei-Jährigen nur für 2,7 Prozent Plätze in Tagesstätten. Andere Länder haben andere Wege beschritten: in den Niederlanden mieten Unternehmen Kitaplätze an, gründen Arbeitgeber und Gewerkschaften gemeinsam Stiftungen zur Kinderbetreuung.
Der lesenswerte Bericht, noch unter der früheren rot-grünen Regierung in Auftrag gegeben, fasst viele der in den letzten Jahren erhobenen Studien zu Familien und Rollenverständnis zusammen – auch auf Gebieten, die vor Jahren noch nebensächlich schienen, heutzutage aber angesichts der Debatten über Verwahrlosung von Kindern und innerhalb von Familien an Bedeutung gewinnen. Da fanden die Forscher den medialen Darstellungen durchaus entgegengesetzte Ergebnisse. So verbringen Familien heute mehr Zeit beim gemeinsamen Essen als noch vor zehn Jahren – im Durchschnitt plus 21 Minuten und kommen auf eine Stunde und 42 Minuten. “Von einer Verdrängung des Essens aus dem Zentrum alltäglicher Aktivitäten” könne also keine Rede sein.
Immer weniger wollen ein Kind
Im europäischen Vergleich nimmt Deutschland zwar bei den Ausgaben für familienpolitische Leistungen mit zwei bis drei Prozent Anteil am Bruttosozialprodukt eine mittlere Stellung ein. Zum Vergleich: Dänemark gibt mit einem Anteil von vier Prozent am meisten, Italien mit einem Prozent am wenigsten aus. Doch die Ergebnisse des durchaus respektablen Aufwands sind eher bescheiden. Einen Grund sehen die Wissenschaftler darin, dass die Familienpolitik hierzulande sich bisher noch nicht an den wechselhaften, modernen Lebensläufen orientiert. Besser gestellt seien die nordischen Länder – auch durch das Angebot des Elterngeldes.
Doch die Wissenschaftler warnen vor allzu großen Erwartungen: auf die demografische Entwicklung habe die Familienpolitik nur einen “begrenzten Einfluss” – weil eine Fülle persönlicher, kultureller und ökonomischer Gründe Bedeutung für die Entscheidung zum Kind habe.
Es bleibt den Deutschen kein Trost, dass in allen europäischen Ländern bei den unter 25-jährigen der Wunsch nach Kindern sinkt. Am schwächsten aber ist er in Deutschland und in Österreich ausgeprägt. Während in Finnland, Frankreich, Dänemark, Schweden und Großbritannien die “ideale Familie” aus Sicht von 20 bis 24-jährigen Frauen statistisch gesehen bei “2,5 Kinder” liegt, wollen die meisten Deutschen nur zwei Kinder. Ost- und Westdeutschland haben sich dabei fast angeglichen.
Dass der Geburtenschwund immer mehr auch ein Problem der Männer ist, zeigt der Bericht ebenfalls. Der Kinderwunsch deutscher Männer liege bei nur 1,5. Insgesamt kommt der Bericht zu dem Schluss: Deutschland und Österreich seien “die einzigen europäischen Länder mit solchen niedrigen Vorstellungen von Familiengröße”.”
Quelle: SPIEGEL ONLINE 25. April 2006
KOMMENTAR: Ist es so verwunderlich, wenn immer mehr junge Leute heutzutage skeptisch sind und sich fragen, ob es sinnvoll ist, Kinder in eine solche Welt zu setzen?!








